Pressestimmen zu "… Der Vogel, scheint mir, hat Humor …"

Tiere, Tanten und andere Tatsachen

Ein Vogel, der scheint´s Humor besitzt, ist Stefan Wilkening selber, der diesen Abend mit dem Wagnis beschließt, als „preußischer Wirtschaftsflüchtling in Bayern“ ein Gedicht in der Mundart seines Zufluchtsstaates zu rezitieren: „Die bayrischen Seen“ von Karl Valentin gehen ihm dabei so flüssig und überzeugend über die Lippen, dass man diese Integration als vollkommen gelungen bezeichnen möchte - Humor und Vogel seien Dank.

Doch zuvor zelebrieren die beiden Künstler die Gedichte von Busch, Ringelnatz, Morgenstern und Heinz Erhardt mit einer Virtuosität und Leichtigkeit, dass die Freude an der Poesie in Funken über die Rampe sprüht. Das Programm ist wunderbar durchkomponiert, die Übergänge mit viel Humor und Augenzwinkern präsentiert, als habe hier Wilhelm Busch oder eben Heinz Erhardt persönlich Pate gestanden. Vom berühmten Rabenschicksal des Buschschen „Hans Huckebein“ über andere Verse aus der Tierwelt geht es weiter zu den Menschen und ihren Licht- und Schattenseiten, die sich von denen der Tiere nur wenig unterscheiden. Und benötigte Stefan Wilkening schon beim „Huckebein“ ein Taschentuch von einem Zuschauer („Keine Angst, das is kein Trick, ich bin kein Zauberer“), so trieb ihn der russische Tanz bei der Ballade vom Entstehen des Filet Stroganoff vollends den Schweiß aus allen Poren.

Schließlich geht der Komödiant immer wieder durch mit Stefan Wilkening, und das ist auch ganz in Ordnung so, denn es braucht schon einen verrückten Vogel, um bis in die Seele dieser Gedichte vorzudringen. Gleich zu Beginn stakst er, von Maria Reiters Intro aus der Gasse gelockt, wie ein gurrender, ruckelnder Vogel auf die Bühne, um dann mit einem so typischen Wilkening-Gesicht den ganzen Schrecken und die ganze Traurigkeit dieses offensichtlich geleimten Vogels auf dem bereitstehenden Stuhl Platz zu nehmen. Freilich bleibt er auf diesem niemals lange hocken. Wilkening tanzt und springt und hopst und ja: fliegt beinahe zwischen den Zeilen und über und neben ihnen, wie ein Mensch gewordenes Enjambement. Zum Glück hat Maria Reiter ihr Akkordeon und bildet mit diesem den ruhenden Gegenpol zu dem Temperamentsbündel, sonst wären die beiden womöglich in den Schnürboden aufgeflogen. So aber holen die wie ein feines Netz, wie unsichtbare Schnüre die Gedichte umspinnenden Melodien und Klänge den Vogel mit gutem Humor immer wieder auf den Boden zurück.Es tut in Zeiten wie diesen ungeheuer gut, sich von Gedichten schier umhüllen zu lassen, die sich dem Humor widmen und diesen pflegen. Oder, um es mit Ringelnatz zu sagen: „Die Leute sagen immer/die Zeiten werden schlimmer/Die Zeiten bleiben immer./Die Leute werden schlimmer.“

Sabine Zaplin, Theater bosco 06.04.2016